{"id":11,"date":"2025-10-24T13:23:00","date_gmt":"2025-10-24T13:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/mynas-on-pines.net\/?p=11"},"modified":"2025-10-28T12:24:59","modified_gmt":"2025-10-28T12:24:59","slug":"zionismus-und-antizionismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mynas-on-pines.net\/?p=11","title":{"rendered":"Zionismus und Antizionismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Hin und wieder werde ich befragt, ob ich Zionist oder Antizionist bin, oder beschuldigt, Zionist (und damit Rassist) oder Antizionist (und damit Antisemit) zu sein. Doch wie verstehe ich meine eigene Situation?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort als Formel: Allem voran bin ich (sozialistischer) Antinationalist und damit sicherlich kein Zionist, aber auch nicht im Besonderen ein Antizionist. Was bedeutet das konkret?<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"674\" height=\"1024\" data-id=\"13\" src=\"https:\/\/mynas-on-pines.net\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/judenstaat-674x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13\" srcset=\"https:\/\/mynas-on-pines.net\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/judenstaat-674x1024.jpg 674w, https:\/\/mynas-on-pines.net\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/judenstaat-198x300.jpg 198w, https:\/\/mynas-on-pines.net\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/judenstaat-768x1166.jpg 768w, https:\/\/mynas-on-pines.net\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/judenstaat.jpg 982w\" sizes=\"auto, (max-width: 674px) 100vw, 674px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"280\" height=\"402\" data-id=\"12\" src=\"https:\/\/mynas-on-pines.net\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-12\" srcset=\"https:\/\/mynas-on-pines.net\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/image.png 280w, https:\/\/mynas-on-pines.net\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/image-209x300.png 209w\" sizes=\"auto, (max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/figure>\n<\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal muss ich vorwegschicken, dass ich es f\u00fcr den gesamten Diskurs rund um den Nahostkonflikt f\u00fcr extrem sch\u00e4dlich halte, welche \u00fcbertriebene Bedeutung einem als Zionismus betitelten ideologischen Ph\u00e4nomen zugewiesen wird. Sicherlich kommt gerade die Diskussion innerhalb Israels wie auch in der j\u00fcdischen Diaspora nicht um das ideologische Erbe des Zionismus herum. Doch Fragen der Friedenspolitik, des internationalen Rechts, der Menschenrechte und einer demokratischen, fortschrittlichen Zukunft in Israel und Pal\u00e4stina lassen sich in sehr vielen Aspekten auch erst einmal in allgemeinen Begriffen ohne besondere R\u00fccksicht auf die Besonderheiten der israelischen Gr\u00fcndungsideologie diskutieren. In weiten Teilen sich als antizionistisch verstehender Solidarit\u00e4tsbewegungen gegen die Besatzung Pal\u00e4stinas grassiert leider ein unmaterialistisches, idealistisches Geschichtsverst\u00e4ndnis, welches den Nahost-Konflikt auf ideologische Eigenheiten \u201edes\u201c Zionismus zur\u00fcckzuf\u00fchren sucht. Auch Verteidiger \u201edes\u201c Zionismus tun ihren Anliegen oft keinen Gefallen, wenn sie Fragen der Sicherheitsinteressen und der politischen Selbstbestimmung von (nicht nur) j\u00fcdischen Israelis von Diskussionen abh\u00e4ngig machen, inwiefern nun der Zionismus vor 1948 eine gute Idee war und inwiefern er recht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferner sehe ich mich als Nicht-Jude und Nicht-Israeli auch nicht unter einem starken Entscheidungsdruck, mich ideologisch in Bezug auf den Zionismus zu identifizieren. So wenig ich Anh\u00e4nger des Peronismus, des Kemalismus, des Schwarzen Nationalismus, des Pan-Turanismus, des Nasserismus, des Pan-Arabismus oder des j\u00fcdischen Territorialismus bin (teilweise ebenso heterogene und widerspr\u00fcchliche Nationalbewegungen wie der Zionismus), so wenig verstehe ich mich als Anti-Peronisten, Anti-Kemalisten, Anti-Black-Nationalist, Anti-Turanisten oder Anti-Pan-Arabisten. Keine dieser Bewegungen oder Ideologien ist mir wichtig genug, um von ihrer Negation aus meine allgemeine ideologische Position zu bestimmen \u2013 dasselbe gilt f\u00fcr den Zionismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Diverse separatistische Bewegungen in aller Welt be\u00e4uge ich skeptisch \u2013 nicht aber weil ich das Nationalbewusstsein dieser oder jenen spezifischen diskriminierten oder gar unterdr\u00fcckten und verfolgten Gruppe eine ganz spezifisch zu kritisierende ideologische Verirrung halte, sondern schlichtweg weil der Kampf f\u00fcr einen weiteren dysfunktionalen Nationalstaat in der jeweiligen politischen Wirklichkeit sehr wahrscheinlich blo\u00df zu noch mehr Leid f\u00fchren w\u00fcrde. Maos Dichotomie zwischen gutem Patriotismus der Unterdr\u00fcckten und schlechtem Patriotismus in den Unterdr\u00fcckernationen ist nicht haltbar \u2013 wie so viele Nationalismen ist auch der Zionismus weder als gerechter minorit\u00e4rer Nationalismus zu feiern, noch auf seine Geschichte der Unterdr\u00fcckung der arabisch-pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung zu reduzieren. Erstaunlich ist in Bezug auf den Zionismus lediglich, wie selbstverst\u00e4ndlich es auch f\u00fcr viele Linke auf der Welt ist, die Opposition gegen diesen einen Nationalismus zum Kernbestand ihrer intersektionalen Matrix hinzuzuz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Vorbehalt ist bei der Frage der Positionierung zum Zionismus zu ber\u00fccksichtigen: Die Frage hat im Laufe der Geschichte ihre Bedeutung ver\u00e4ndert. Vor 1948 stellte sich die Frage, ob ein j\u00fcdischer Staat bzw. eine j\u00fcdische nationale Heimst\u00e4tte, vorrangig in Pal\u00e4stina, errichtet werden soll, dieses Aufbauprojekt unterst\u00fctzt werden soll \u2013 ja oder nein. Mit der Staatsgr\u00fcndung verschiebt sich die Fragestellung grunds\u00e4tzlich: Denen, die gegen Israels Fortbestand als j\u00fcdischer Staat k\u00e4mpfen, stehen nicht allein die Unterst\u00fctzer dieses Projekts gegen\u00fcber, sondern auch all jene, die die Existenz des j\u00fcdischen Staates schlichtweg als neue Gegebenheit akzeptieren \u2013 als ein auf einem Berg von Gewalt und historischem Unrecht gebauter Nationalstaat unter vielen \u2013 und dies als Alngelegenheit seiner Bev\u00f6lkerung begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige radikale Antizionisten sehen auch jedwede Unterst\u00fctzer einer Zweistaatenl\u00f6sung als Zionisten an \u2013 spiegelbildlich dazu versuchen einige Verteidiger Israels ein Bekenntnis zum Zionismus zu normalisieren, etwa indem sie sagen, Zionismus heute bedeute doch nur, Israels Existenzrecht anzuerkennen. Doch beides ist zu kurz gegriffen. So sind die israelischen Kommunisten der Maki \u2013 eine mehrheitlich arabische Partei \u2013, die die Formal der zwei Staaten f\u00fcr zwei V\u00f6lker \u2013 mit vollen nationalen Rechten auch f\u00fcr die arabischen B\u00fcrger Israels \u2013 unterst\u00fctzen, doch sicherlich keine Zionisten. Etwas mehr ideologische Identifikation braucht es dann doch, um zum Zionisten zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hiermit m\u00f6chte ich nun aufh\u00f6ren, mich der Frage blo\u00df zu entziehen und erkl\u00e4ren, warum ich meine Position auch in der Sache weder als (pro-)zionistisch noch antizionistisch begreife: Weite Teile des Zionismus waren teils von Anfang, teils von fr\u00fch an gepr\u00e4gt von einem bunten Amalgam von Nationalromantik, religi\u00f6sem revivalism, biblisch begr\u00fcndeten Territorialanspr\u00fcchen, Exzeptionalismus, Ignoranz und Naivit\u00e4t, was die multiethnische Realit\u00e4t in der Levante angeht, Rassismus, kolonialer Unterdr\u00fcckung, exklusivem Ethnonationalismus, Terror. Nicht alle diese Aspekte waren und sind in allen Phasen und in allen Str\u00f6mungen pr\u00e4sent bzw. im selben Grad ausgepr\u00e4gt. All diese mit meinem allgemeinen nationalismuskritischen politischen Weltbild inkompatiblen Aspekte sind jedoch dennoch f\u00fcr weite Teile des Zionismus zu bedeutend gewesen, als dass ich es mit historischer Redlichkeit vereinbaren k\u00f6nnte, sie zur Nebens\u00e4chlichkeit zu erkl\u00e4ren. Es ist eine idealistische Verdrehung, den Zionismus als reale Bewegung von einer vermeintlich umstandslos korrekten Kerneinsicht und einer vermeintlich umstandslos progressiven Kernidee her zu definieren und mich deshalb irgendwie ideologisch mit ihm zu identifizieren. Insbesondere finden sich all die genannten Aspekte auch innerhalb des Mainstream des Labor-Zionismus und im liberalen Zionismus und sind keine Alleinstellungsmerkmale von Revisionisten oder rechtsreligi\u00f6sen Zionisten. Insbesondere war die zionistische Bewegung in einer kritischen Phase \u2013 n\u00e4mlich ab 1920 bis zum Pal\u00e4stinakrieg und zur Staatsgr\u00fcndung 1947\/48 \u2013 ganz entscheidend darauf angewiesen, dass die britische Kolonialmacht demokratische Wahlen in Pal\u00e4stina und eine Unabh\u00e4ngigkeit verhinderte, solange es keine j\u00fcdische Mehrheitsbev\u00f6lkerung g\u00e4be. Lediglich eine Minderheit von Binationalisten etwa des Brit Schalom und von haSchomer haTzair \u2013 wie auch die nichtzionistischen Kommunisten \u2013 stand diesem Bund mit der kolonialen Unterdr\u00fcckung entgegen. Die strategisch eingesetzten Terrorkampagnen islamistischer und arabischnationalistischer Hardliner wie dem Antisemiten Husseini insbesondere 1929 und 1936ff., die mitunter eine Remigration aller seit dem Ende der osmanischen Herrschaft eingewanderter Juden forderten, lie\u00df das B\u00fcndnis mit den kolonialen Unterdr\u00fcckern f\u00fcr viele Juden in Pal\u00e4stina f\u00fcr die eigene Sicherheit alternativlos erscheinen. Denjenigen, die versuchen unter R\u00fcckgriff auf Str\u00f6mungen und Ideen, die sich nie haben durchsetzen k\u00f6nnen, den Zionismus zu \u201eretten\u201c, w\u00fcnsche ich viel Erfolg \u2013 ehe sie mit diesen Projekten hegemonial werden, werde ich pers\u00f6nlich jedoch nicht zum Zionisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere bin ich selbstverst\u00e4ndlich auch kein Zionist in dem besonders engen Sinne, dass ich nationalbewusste Juden, die sich f\u00fcr die Auswanderung nach Eretz Israel entscheiden, vor 1948 Verantwortung in der zionistischen Aufbauarbeit \u00fcbernahmen, seit 1948 patriotisch f\u00fcr ihr Land stehen, allein deshalb schon einen besonderen sittlichen Vorzug zuschreiben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem gegen\u00fcber m\u00fcssen jedoch die Erfolge der zionistischen Bewegung in verschiedenen historischen Situationen anerkannt werden \u2013 gerade im Hinblick auf das Scheitern anderer Bewegungen (einschlie\u00dflich sozialistischer Bewegungen) gegen\u00fcber dem Antisemitismus in Europa wie auch der islamischen Welt. In den 1930ern, w\u00e4hrend nach und nach andere Auswanderungsziele wie die USA und Argentinien ihre Grenzen schlossen, gelang es noch etwa 250.000 Juden nach Pal\u00e4stina zu entkommen (bis die Briten zur Befriedung des arabischen Aufstands 1939 noch vor dem deutschen \u00dcberfall auf Polen die Einwanderung stoppten). M\u00f6glich war dies, weil die Zionisten das Recht auf Einwanderung mit Hilfe der Briten durchsetzten und die Einwanderung organisierten. F\u00fcr viele ware Pal\u00e4stina die einzig m\u00f6gliche Zuflucht aus Europa, wo sie andernfalls in die H\u00e4nde der deutschen Vernichtungsmaschinerie geraten w\u00e4ren. Gleichzeitig war der Zionismus auch eine kulturelle Modernisierungsbewegung, mit entsprechenden b\u00fcrgerlichen und sozialen Errungenschaften, liberalen und in Teilen der Bewegung \u2013 etwa in den Kibbutzim \u2013 sozialistischen Werten. Selbst der urspr\u00fcngliche revisionistische Zionismus war in seinem Staats- und Gesellschaftsverst\u00e4ndnis (nach innen) liberal \u2013 trotz der Ann\u00e4herung ans faschistische Italien.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte der Zionismus recht? Bietet einzig und allein ein eigener j\u00fcdischer Staat Sicherheit vor den schlimmsten Formen der Verfolgung und Vernichtung? Jedenfalls hatte Herzl wohl recht mit seiner zentralen Einsicht, dass angesichts des modernen Antisemitismus die Assimilation im Allgemeinen keinen Ausweg bot. Warnungen von Zionisten, dass der Judenmord nach den Pogromen von 1903, 1905 oder im Russischen B\u00fcrgerkrieg noch kein Ende genommen hatte, erwiesen sich als berechtigt. Wenn wir die Bewegung an ihrem Erfolg messen, m\u00fcssen wir aber auch feststellen, dass deutlich mehr europ\u00e4ische Juden sich in den Jahren vor 1939 in die USA retten konnten als nach Pal\u00e4stina. Auch die Zahl derjenigen, die im Zweiten Weltkrieg aus besetzten Gebieten in die Tiefen der Sowjetunion (die in den 1930ern bereits j\u00fcdische kulturelle Autonomie zur\u00fccknahm und nach dem Krieg zu antisemitischen Kampagnen \u00fcberging) haben fliehen k\u00f6nnen, \u00fcberstieg bei Weitem die Zahl derjenigen, die sich nach Pal\u00e4stina retteten. Von irgendwie entfernt realistischen Bedingungen ausgehend war die zionistische Bewegung weit davon entfernt, dass sie einem Gro\u00dfteil der k\u00fcnftigen Opfer der Shoa eine Zuflucht h\u00e4tten bieten k\u00f6nnen. Alternative Geschichten, in denen der Zionismus Millionen Juden gerettet h\u00e4tte, sind weit von dem entfernt, was die Bewegung mit ihrem langsamen Aufbauprojekt in Pal\u00e4stina angesichts der dortigen \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse und politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und der auch nur teilweisen Unterst\u00fctzung seitens der j\u00fcdischen Diaspora real zu leisten f\u00e4hig war. Dass f\u00fcr so viele Juden der Zionismus die letzte Zuflucht bot, war zu einem guten Teil auch weniger zionistischer Weitsicht, sondern historischer Kontingenz geschuldet \u2013 die T\u00fcrkei blieb im Zweiten Weltkrieg neutral, die Sowjetunion band deutsche Truppen im Osten, w\u00e4hrend das British Empire Malta halten und Deutsche und Italiener bei El Alamein besiegen konnte, sodass Pal\u00e4stina vor einer deutschen Invasion verschont blieb. Umgekehrt kostete wom\u00f6glich allein Stalins Ignoranz gegen\u00fcber den Warnungen Harro Schulze-Boysens und Richard Sorges vor Hitlers Angriffspl\u00e4nen hunderttausenden Juden das Leben. Dennoch sind der zionistischen Bewegung ihre Erfolge hoch anzurechnen \u2013 ebenso wie die historischen und heutigen Verbrechen der zionistischen Bewegung bzw. des Staates Israels, bis hin zu den Verbrechen gegen die Menschheit im Gaza-Krieg, ihnen anzulasten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zionistische Bewegung h\u00e4tte in der Verteidigung gegen den Antisemitismus manches besser machen k\u00f6nnen und der Schutz von Juden vor antisemitischer Verfolgung war auch nicht immer ihre h\u00f6chste Priorit\u00e4t \u2013 im Guten wie im Schlechten war und ist das Streben nach nationaler St\u00e4rke in Eretz Israel nicht auf ein Mittel zum Zweck der Selbstverteidigung zu reduzieren, zuweilen steht es mit dem Schutz vor Antisemitismus auch in Konflikt (wie z.B. an Ben Gurions Politik angesichts der Nazis in verschiedenen Fragen deutlich wird). Der Widerspruch wird besonders schwer aufzul\u00f6sen in Hinblick auf die arabische und islamische Welt. Zum Einen lassen der Import des europ\u00e4ischen Antisemitismus in die arabische Welt vor allem seit Ende des 19. Jahrhunderts und die Geschichte des arabischen Nationalismus und des Islamismus mit Verfolgung und an einigen Orten zu einigen Zeiten massenhafter Ermordung anderer ethnischer und religi\u00f6ser Minderheiten \u2013 seien es Kurden, nicht-arabische Schwarze im Sudan, Jesiden im Iraq, Bahai im Iran oder Kopten in \u00c4gypten \u2013 es \u00e4u\u00dferst zweifelhaft erscheinen, dass Juden in der islamischen Welt ohne den Zionismus heute ein besseres Leben h\u00e4tten oder auch nur sicherer w\u00e4ren, als sie es heute in Israel sind. Dass ausgerechnet der Antisemitismus und der Hass auf Israel einen derartig zentralen Stellenwert in Islamismus und arabischem Nationalismus erhalten hat und wie sich antij\u00fcdische Kampagnen kurz vor und nach der israelischen Staatsgr\u00fcndung in vielen arabischen L\u00e4ndern zugespitzt haben, ist tats\u00e4chlich unaufl\u00f6sbar verflochten mit den ganz spezifischen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nden der israelischen Staatsgr\u00fcndung und der zionistischen und dann israelischen B\u00fcndnispolitik. Letztlich haben sich nicht blo\u00df assimilationistische, liberale, sozialistische und orthodox-religi\u00f6se Hoffnungen, wie der Antisemitismus \u00fcberw\u00fcnden werden k\u00f6nnte, sondern auch so manche diesbez\u00fcgliche zionistischen Vorstellungen schwerwiegend get\u00e4uscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur als Fu\u00dfnote m\u00f6chte ich anmerken, dass ich auch mit dem von einigen israelischen linken Intellektuellen verwendeten Label des Postzionismus \u2013 das f\u00fcr die Idee steht, dass der Zionismus seine historische Aufgabe erf\u00fcllt hat und die israelische Politik sich von dieser Leitidee verabschieden sollte \u2013 nur bedingt etwas anfangen kann. Das zionistische Erbe ist \u2013 im Guten wie im Schlechten, im Vermeidbaren wie im Notwendigen \u2013 sehr lebendig. Ich denke, die Zeit f\u00fcr einen Postzionismus als \u00fcberzeugender, vielversprechender politischer Agenda kann realistischerweise allenfalls kommen, nachdem mit Unterst\u00fctzung eines breiten B\u00fcndnisses auch ganz ma\u00dfgeblich von verschiedenen zionistischen Str\u00f6mungen ein Frieden mit Pal\u00e4stina und ein Ende der Besatzung erreicht sind.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Friedensperspektiven abtr\u00e4glich sind idealistische Theorien, die in einem \u2013 heute meist Siedlerkolonialismus genannten \u2013 spezifischen ideologischen Gehalt \u201edes\u201c Zionismus eine Art Urs\u00fcnde des Staates Israels sehen, die notwendig zu immer weiterer Landnahme, Siedlergewalt, immer neuer ethnischer S\u00e4uberung und bis zum V\u00f6lkermord f\u00fchren muss. Ein Blick, der mit einem realistischen Blick auf die wechselhafte, von jeweiligen inneren und \u00e4u\u00dferen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen bestimmte Geschichte Israels \u2013 die etwa auch die R\u00fcckgabe des Sinais an \u00c4gypten und den wie auch immer mangelhaften Oslo-Prozess beinhaltet \u2013 nicht vereinbar ist. Ich m\u00f6chte daf\u00fcr pl\u00e4dieren, auf der einen Seite den Konflikt zu entexzeptionalisieren. Politische L\u00f6sungen aufbauend auf Anerkennung nationaler wie individueller Rechte von Juden wie aus Arabern in Israel bzw. Pal\u00e4stina sind auf Grundlage allgemeiner Prinzipien gepaart mit Pragmatismus zu suchen \u2013 nicht in der Identifikation mit oder Opposition zu \u201edem\u201c Zionismus (ein Nationalismus von vielen) als vermeintlich ganz singul\u00e4rer Ideologie. Zugleich muss der Antisemitismus als eine ideologische Deformation, als Ressentiment analysiert und ernstgenommen als in seiner Bedeutung \u00fcber den Nahostkonflikt (ja, in einem weiten Begriff auch \u00fcber den Bezug auf Juden) weit hinausgehend. Die zionistischen Antworten auf den Antisemitismus m\u00fcssen \u2013 so partiell sie auch sind \u2013 ernstgenommen und gepr\u00fcft werden, ohne jedoch \u201eden\u201c Zionismus zu einer \u2013 gar einzig richtigen und hinreichenden \u2013 blo\u00dfen Antwort auf den Antisemitismus, zu einer Negation des Antisemitismus zu idealisieren. Richtige und wichtige Kritik am Zionismus als Bewegung und Ideologie gibt es viel \u2013 bestenfalls ist sie gegr\u00fcndet in einem Verst\u00e4ndnis der internationalen und interimperialistischen Konkurrenz im Zeitalter des Kapitalismus, der konkreten regionalen wie auch j\u00fcdischen Geschichte und des Nationalismus als Ideologie. W\u00e4hrend antisemitischer Zionismus schon mindestens seit Rosenberg altbekannt ist, tut eine Kritik Weltanschauungen, die den Antizionismus in ihren Mittelpunkt aufnehmen, wie auch an anderen Formen ideologisch verzerrter, insbesondere idealistischer antzionistischer Betrachtungen des Nahost-Konflikts auch ganz jenseits des Antisemitismusvorwurfs Not.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hin und wieder werde ich befragt, ob ich Zionist oder Antizionist bin, oder beschuldigt, Zionist (und damit Rassist) oder Antizionist (und damit Antisemit) zu sein. Doch wie verstehe ich meine eigene Situation? Die Antwort als Formel: Allem voran bin ich (sozialistischer) Antinationalist und damit sicherlich kein Zionist, aber auch nicht im Besonderen ein Antizionist. 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