Zionismus und Antizionismus

Hin und wieder werde ich befragt, ob ich Zionist oder Antizionist bin, oder beschuldigt, Zionist (und damit Rassist) oder Antizionist (und damit Antisemit) zu sein. Doch wie verstehe ich meine eigene Situation?

Die Antwort als Formel: Allem voran bin ich (sozialistischer) Antinationalist und damit sicherlich kein Zionist, aber auch nicht im Besonderen ein Antizionist. Was bedeutet das konkret?

Zunächst einmal muss ich vorwegschicken, dass ich es für den gesamten Diskurs rund um den Nahostkonflikt für extrem schädlich halte, welche übertriebene Bedeutung einem als Zionismus betitelten ideologischen Phänomen zugewiesen wird. Sicherlich kommt gerade die Diskussion innerhalb Israels wie auch in der jüdischen Diaspora nicht um das ideologische Erbe des Zionismus herum. Doch Fragen der Friedenspolitik, des internationalen Rechts, der Menschenrechte und einer demokratischen, fortschrittlichen Zukunft in Israel und Palästina lassen sich in sehr vielen Aspekten auch erst einmal in allgemeinen Begriffen ohne besondere Rücksicht auf die Besonderheiten der israelischen Gründungsideologie diskutieren. In weiten Teilen sich als antizionistisch verstehender Solidaritätsbewegungen gegen die Besatzung Palästinas grassiert leider ein unmaterialistisches, idealistisches Geschichtsverständnis, welches den Nahost-Konflikt auf ideologische Eigenheiten „des“ Zionismus zurückzuführen sucht. Auch Verteidiger „des“ Zionismus tun ihren Anliegen oft keinen Gefallen, wenn sie Fragen der Sicherheitsinteressen und der politischen Selbstbestimmung von (nicht nur) jüdischen Israelis von Diskussionen abhängig machen, inwiefern nun der Zionismus vor 1948 eine gute Idee war und inwiefern er recht hatte.

Ferner sehe ich mich als Nicht-Jude und Nicht-Israeli auch nicht unter einem starken Entscheidungsdruck, mich ideologisch in Bezug auf den Zionismus zu identifizieren. So wenig ich Anhänger des Peronismus, des Kemalismus, des Schwarzen Nationalismus, des Pan-Turanismus, des Nasserismus, des Pan-Arabismus oder des jüdischen Territorialismus bin (teilweise ebenso heterogene und widersprüchliche Nationalbewegungen wie der Zionismus), so wenig verstehe ich mich als Anti-Peronisten, Anti-Kemalisten, Anti-Black-Nationalist, Anti-Turanisten oder Anti-Pan-Arabisten. Keine dieser Bewegungen oder Ideologien ist mir wichtig genug, um von ihrer Negation aus meine allgemeine ideologische Position zu bestimmen – dasselbe gilt für den Zionismus.

Diverse separatistische Bewegungen in aller Welt beäuge ich skeptisch – nicht aber weil ich das Nationalbewusstsein dieser oder jenen spezifischen diskriminierten oder gar unterdrückten und verfolgten Gruppe eine ganz spezifisch zu kritisierende ideologische Verirrung halte, sondern schlichtweg weil der Kampf für einen weiteren dysfunktionalen Nationalstaat in der jeweiligen politischen Wirklichkeit sehr wahrscheinlich bloß zu noch mehr Leid führen würde. Maos Dichotomie zwischen gutem Patriotismus der Unterdrückten und schlechtem Patriotismus in den Unterdrückernationen ist nicht haltbar – wie so viele Nationalismen ist auch der Zionismus weder als gerechter minoritärer Nationalismus zu feiern, noch auf seine Geschichte der Unterdrückung der arabisch-palästinensischen Bevölkerung zu reduzieren. Erstaunlich ist in Bezug auf den Zionismus lediglich, wie selbstverständlich es auch für viele Linke auf der Welt ist, die Opposition gegen diesen einen Nationalismus zum Kernbestand ihrer intersektionalen Matrix hinzuzuzählen.

Ein weiterer Vorbehalt ist bei der Frage der Positionierung zum Zionismus zu berücksichtigen: Die Frage hat im Laufe der Geschichte ihre Bedeutung verändert. Vor 1948 stellte sich die Frage, ob ein jüdischer Staat bzw. eine jüdische nationale Heimstätte, vorrangig in Palästina, errichtet werden soll, dieses Aufbauprojekt unterstützt werden soll – ja oder nein. Mit der Staatsgründung verschiebt sich die Fragestellung grundsätzlich: Denen, die gegen Israels Fortbestand als jüdischer Staat kämpfen, stehen nicht allein die Unterstützer dieses Projekts gegenüber, sondern auch all jene, die die Existenz des jüdischen Staates schlichtweg als neue Gegebenheit akzeptieren – als ein auf einem Berg von Gewalt und historischem Unrecht gebauter Nationalstaat unter vielen – und dies als Alngelegenheit seiner Bevölkerung begreifen.

Einige radikale Antizionisten sehen auch jedwede Unterstützer einer Zweistaatenlösung als Zionisten an – spiegelbildlich dazu versuchen einige Verteidiger Israels ein Bekenntnis zum Zionismus zu normalisieren, etwa indem sie sagen, Zionismus heute bedeute doch nur, Israels Existenzrecht anzuerkennen. Doch beides ist zu kurz gegriffen. So sind die israelischen Kommunisten der Maki – eine mehrheitlich arabische Partei –, die die Formal der zwei Staaten für zwei Völker – mit vollen nationalen Rechten auch für die arabischen Bürger Israels – unterstützen, doch sicherlich keine Zionisten. Etwas mehr ideologische Identifikation braucht es dann doch, um zum Zionisten zu werden.

Und hiermit möchte ich nun aufhören, mich der Frage bloß zu entziehen und erklären, warum ich meine Position auch in der Sache weder als (pro-)zionistisch noch antizionistisch begreife: Weite Teile des Zionismus waren teils von Anfang, teils von früh an geprägt von einem bunten Amalgam von Nationalromantik, religiösem revivalism, biblisch begründeten Territorialansprüchen, Exzeptionalismus, Ignoranz und Naivität, was die multiethnische Realität in der Levante angeht, Rassismus, kolonialer Unterdrückung, exklusivem Ethnonationalismus, Terror. Nicht alle diese Aspekte waren und sind in allen Phasen und in allen Strömungen präsent bzw. im selben Grad ausgeprägt. All diese mit meinem allgemeinen nationalismuskritischen politischen Weltbild inkompatiblen Aspekte sind jedoch dennoch für weite Teile des Zionismus zu bedeutend gewesen, als dass ich es mit historischer Redlichkeit vereinbaren könnte, sie zur Nebensächlichkeit zu erklären. Es ist eine idealistische Verdrehung, den Zionismus als reale Bewegung von einer vermeintlich umstandslos korrekten Kerneinsicht und einer vermeintlich umstandslos progressiven Kernidee her zu definieren und mich deshalb irgendwie ideologisch mit ihm zu identifizieren. Insbesondere finden sich all die genannten Aspekte auch innerhalb des Mainstream des Labor-Zionismus und im liberalen Zionismus und sind keine Alleinstellungsmerkmale von Revisionisten oder rechtsreligiösen Zionisten. Insbesondere war die zionistische Bewegung in einer kritischen Phase – nämlich ab 1920 bis zum Palästinakrieg und zur Staatsgründung 1947/48 – ganz entscheidend darauf angewiesen, dass die britische Kolonialmacht demokratische Wahlen in Palästina und eine Unabhängigkeit verhinderte, solange es keine jüdische Mehrheitsbevölkerung gäbe. Lediglich eine Minderheit von Binationalisten etwa des Brit Schalom und von haSchomer haTzair – wie auch die nichtzionistischen Kommunisten – stand diesem Bund mit der kolonialen Unterdrückung entgegen. Die strategisch eingesetzten Terrorkampagnen islamistischer und arabischnationalistischer Hardliner wie dem Antisemiten Husseini insbesondere 1929 und 1936ff., die mitunter eine Remigration aller seit dem Ende der osmanischen Herrschaft eingewanderter Juden forderten, ließ das Bündnis mit den kolonialen Unterdrückern für viele Juden in Palästina für die eigene Sicherheit alternativlos erscheinen. Denjenigen, die versuchen unter Rückgriff auf Strömungen und Ideen, die sich nie haben durchsetzen können, den Zionismus zu „retten“, wünsche ich viel Erfolg – ehe sie mit diesen Projekten hegemonial werden, werde ich persönlich jedoch nicht zum Zionisten.

Insbesondere bin ich selbstverständlich auch kein Zionist in dem besonders engen Sinne, dass ich nationalbewusste Juden, die sich für die Auswanderung nach Eretz Israel entscheiden, vor 1948 Verantwortung in der zionistischen Aufbauarbeit übernahmen, seit 1948 patriotisch für ihr Land stehen, allein deshalb schon einen besonderen sittlichen Vorzug zuschreiben würde.

Dem gegenüber müssen jedoch die Erfolge der zionistischen Bewegung in verschiedenen historischen Situationen anerkannt werden – gerade im Hinblick auf das Scheitern anderer Bewegungen (einschließlich sozialistischer Bewegungen) gegenüber dem Antisemitismus in Europa wie auch der islamischen Welt. In den 1930ern, während nach und nach andere Auswanderungsziele wie die USA und Argentinien ihre Grenzen schlossen, gelang es noch etwa 250.000 Juden nach Palästina zu entkommen (bis die Briten zur Befriedung des arabischen Aufstands 1939 noch vor dem deutschen Überfall auf Polen die Einwanderung stoppten). Möglich war dies, weil die Zionisten das Recht auf Einwanderung mit Hilfe der Briten durchsetzten und die Einwanderung organisierten. Für viele ware Palästina die einzig mögliche Zuflucht aus Europa, wo sie andernfalls in die Hände der deutschen Vernichtungsmaschinerie geraten wären. Gleichzeitig war der Zionismus auch eine kulturelle Modernisierungsbewegung, mit entsprechenden bürgerlichen und sozialen Errungenschaften, liberalen und in Teilen der Bewegung – etwa in den Kibbutzim – sozialistischen Werten. Selbst der ursprüngliche revisionistische Zionismus war in seinem Staats- und Gesellschaftsverständnis (nach innen) liberal – trotz der Annäherung ans faschistische Italien.

Hatte der Zionismus recht? Bietet einzig und allein ein eigener jüdischer Staat Sicherheit vor den schlimmsten Formen der Verfolgung und Vernichtung? Jedenfalls hatte Herzl wohl recht mit seiner zentralen Einsicht, dass angesichts des modernen Antisemitismus die Assimilation im Allgemeinen keinen Ausweg bot. Warnungen von Zionisten, dass der Judenmord nach den Pogromen von 1903, 1905 oder im Russischen Bürgerkrieg noch kein Ende genommen hatte, erwiesen sich als berechtigt. Wenn wir die Bewegung an ihrem Erfolg messen, müssen wir aber auch feststellen, dass deutlich mehr europäische Juden sich in den Jahren vor 1939 in die USA retten konnten als nach Palästina. Auch die Zahl derjenigen, die im Zweiten Weltkrieg aus besetzten Gebieten in die Tiefen der Sowjetunion (die in den 1930ern bereits jüdische kulturelle Autonomie zurücknahm und nach dem Krieg zu antisemitischen Kampagnen überging) haben fliehen können, überstieg bei Weitem die Zahl derjenigen, die sich nach Palästina retteten. Von irgendwie entfernt realistischen Bedingungen ausgehend war die zionistische Bewegung weit davon entfernt, dass sie einem Großteil der künftigen Opfer der Shoa eine Zuflucht hätten bieten können. Alternative Geschichten, in denen der Zionismus Millionen Juden gerettet hätte, sind weit von dem entfernt, was die Bewegung mit ihrem langsamen Aufbauprojekt in Palästina angesichts der dortigen ökonomischen Verhältnisse und politischen Kräfteverhältnisse und der auch nur teilweisen Unterstützung seitens der jüdischen Diaspora real zu leisten fähig war. Dass für so viele Juden der Zionismus die letzte Zuflucht bot, war zu einem guten Teil auch weniger zionistischer Weitsicht, sondern historischer Kontingenz geschuldet – die Türkei blieb im Zweiten Weltkrieg neutral, die Sowjetunion band deutsche Truppen im Osten, während das British Empire Malta halten und Deutsche und Italiener bei El Alamein besiegen konnte, sodass Palästina vor einer deutschen Invasion verschont blieb. Umgekehrt kostete womöglich allein Stalins Ignoranz gegenüber den Warnungen Harro Schulze-Boysens und Richard Sorges vor Hitlers Angriffsplänen hunderttausenden Juden das Leben. Dennoch sind der zionistischen Bewegung ihre Erfolge hoch anzurechnen – ebenso wie die historischen und heutigen Verbrechen der zionistischen Bewegung bzw. des Staates Israels, bis hin zu den Verbrechen gegen die Menschheit im Gaza-Krieg, ihnen anzulasten sind.

Die zionistische Bewegung hätte in der Verteidigung gegen den Antisemitismus manches besser machen können und der Schutz von Juden vor antisemitischer Verfolgung war auch nicht immer ihre höchste Priorität – im Guten wie im Schlechten war und ist das Streben nach nationaler Stärke in Eretz Israel nicht auf ein Mittel zum Zweck der Selbstverteidigung zu reduzieren, zuweilen steht es mit dem Schutz vor Antisemitismus auch in Konflikt (wie z.B. an Ben Gurions Politik angesichts der Nazis in verschiedenen Fragen deutlich wird). Der Widerspruch wird besonders schwer aufzulösen in Hinblick auf die arabische und islamische Welt. Zum Einen lassen der Import des europäischen Antisemitismus in die arabische Welt vor allem seit Ende des 19. Jahrhunderts und die Geschichte des arabischen Nationalismus und des Islamismus mit Verfolgung und an einigen Orten zu einigen Zeiten massenhafter Ermordung anderer ethnischer und religiöser Minderheiten – seien es Kurden, nicht-arabische Schwarze im Sudan, Jesiden im Iraq, Bahai im Iran oder Kopten in Ägypten – es äußerst zweifelhaft erscheinen, dass Juden in der islamischen Welt ohne den Zionismus heute ein besseres Leben hätten oder auch nur sicherer wären, als sie es heute in Israel sind. Dass ausgerechnet der Antisemitismus und der Hass auf Israel einen derartig zentralen Stellenwert in Islamismus und arabischem Nationalismus erhalten hat und wie sich antijüdische Kampagnen kurz vor und nach der israelischen Staatsgründung in vielen arabischen Ländern zugespitzt haben, ist tatsächlich unauflösbar verflochten mit den ganz spezifischen außergewöhnlichen Umständen der israelischen Staatsgründung und der zionistischen und dann israelischen Bündnispolitik. Letztlich haben sich nicht bloß assimilationistische, liberale, sozialistische und orthodox-religiöse Hoffnungen, wie der Antisemitismus überwünden werden könnte, sondern auch so manche diesbezügliche zionistischen Vorstellungen schwerwiegend getäuscht.

Nur als Fußnote möchte ich anmerken, dass ich auch mit dem von einigen israelischen linken Intellektuellen verwendeten Label des Postzionismus – das für die Idee steht, dass der Zionismus seine historische Aufgabe erfüllt hat und die israelische Politik sich von dieser Leitidee verabschieden sollte – nur bedingt etwas anfangen kann. Das zionistische Erbe ist – im Guten wie im Schlechten, im Vermeidbaren wie im Notwendigen – sehr lebendig. Ich denke, die Zeit für einen Postzionismus als überzeugender, vielversprechender politischer Agenda kann realistischerweise allenfalls kommen, nachdem mit Unterstützung eines breiten Bündnisses auch ganz maßgeblich von verschiedenen zionistischen Strömungen ein Frieden mit Palästina und ein Ende der Besatzung erreicht sind.

Für Friedensperspektiven abträglich sind idealistische Theorien, die in einem – heute meist Siedlerkolonialismus genannten – spezifischen ideologischen Gehalt „des“ Zionismus eine Art Ursünde des Staates Israels sehen, die notwendig zu immer weiterer Landnahme, Siedlergewalt, immer neuer ethnischer Säuberung und bis zum Völkermord führen muss. Ein Blick, der mit einem realistischen Blick auf die wechselhafte, von jeweiligen inneren und äußeren Kräfteverhältnissen bestimmte Geschichte Israels – die etwa auch die Rückgabe des Sinais an Ägypten und den wie auch immer mangelhaften Oslo-Prozess beinhaltet – nicht vereinbar ist. Ich möchte dafür plädieren, auf der einen Seite den Konflikt zu entexzeptionalisieren. Politische Lösungen aufbauend auf Anerkennung nationaler wie individueller Rechte von Juden wie aus Arabern in Israel bzw. Palästina sind auf Grundlage allgemeiner Prinzipien gepaart mit Pragmatismus zu suchen – nicht in der Identifikation mit oder Opposition zu „dem“ Zionismus (ein Nationalismus von vielen) als vermeintlich ganz singulärer Ideologie. Zugleich muss der Antisemitismus als eine ideologische Deformation, als Ressentiment analysiert und ernstgenommen als in seiner Bedeutung über den Nahostkonflikt (ja, in einem weiten Begriff auch über den Bezug auf Juden) weit hinausgehend. Die zionistischen Antworten auf den Antisemitismus müssen – so partiell sie auch sind – ernstgenommen und geprüft werden, ohne jedoch „den“ Zionismus zu einer – gar einzig richtigen und hinreichenden – bloßen Antwort auf den Antisemitismus, zu einer Negation des Antisemitismus zu idealisieren. Richtige und wichtige Kritik am Zionismus als Bewegung und Ideologie gibt es viel – bestenfalls ist sie gegründet in einem Verständnis der internationalen und interimperialistischen Konkurrenz im Zeitalter des Kapitalismus, der konkreten regionalen wie auch jüdischen Geschichte und des Nationalismus als Ideologie. Während antisemitischer Zionismus schon mindestens seit Rosenberg altbekannt ist, tut eine Kritik Weltanschauungen, die den Antizionismus in ihren Mittelpunkt aufnehmen, wie auch an anderen Formen ideologisch verzerrter, insbesondere idealistischer antzionistischer Betrachtungen des Nahost-Konflikts auch ganz jenseits des Antisemitismusvorwurfs Not.

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