Wenn die Position eines der radikalsten bekannten islamistischen Aktivisten in Israel in der allgemeinen Verurteilung des Mordes an Zivilisten und von Angriffen auf Moscheen, Kirchen und Synagogen besteht, dann ist das gut, und nicht schlecht. Man kann moralisieren und sich beschweren, dass Ra’ed Salah keine Verantwortung übernimmt für seine Fürsprache für die Hamas, doch Stimmen wie diesen ist es mit zu verdanken, dass es in Israel selbst und in der West Bank bislang Gott sei Dank relativ ruhig geblieben ist. Und Salah erfährt übrigens hierfür Anfeindungen von Hamas-Anhängern.
Einschätzung von Elhanan Miller, DEM orthodoxen Rabbi in Israel, der für Dialog mit der arabischen Zivilgesellschaft und die Förderung der arabischen Sprache in Israel steht:
„Wenn eine Sache die Hamas verrückt macht, dann ist es, wenn die arabische und muslimische Öffentlichkeit eben nicht ihren Aufrufen folgt, auf die Straße zu gehen und Israel anzugreifen. Ismail Haniyya hat heute seine Enttäuschung zum Ausdruck gebracht: ‚Wie viel Blut und Tod zum Himmel braucht es noch, dass ihr wütend werdet und Eure Stellung in der Geschichte bezieht?‘ In jedem Interview, das ich gehört habe, wiederholen Hamas-Vertreter diesen Aufruf an ihre Zuhörer in Israel und der West Bank und sind enttäuscht. Meine größte Sorge zu Beginn des Kriegs war eine Wiederholung der Ausschreitungen vom Frühjahr 2021. Wenn wir in dieser kritischen Situation heute auch noch an einer Front im Inneren zu kämpfen hätten, wäre Israel jetzt in einer ganz anderen Situation. Und genau das ist, was die Hamas meiner Einschätzung nach bezwecken wollte, als sie ihre Verbrechen so ausgiebig bekannt machte. Dass dies nicht gelingt, liegt auch an Folgendem:
1. Stellungnahmen gegen die ‚Gewalt von beiden Seiten‘ wie von Ra’ed Salah. Ich habe eine Tonaufnahme eines Hamas-Mitglieds in Gaza gehört, der seine tiefe Enttäuschung über diese gemäßigten Worte Salah ausgedrückt hat
2. Erklärungen des Knesset-Abgeordneten Mansur Abbas von Tag 1 des Kriegs an, in welchen er das Hamas-Massaker ‘unglückliche, tragische und unsittliche Ereignisse’ nennt und seine Anhänger dazu aufgerufen hat, die Lage vor Ort zu beruhigen, Zurückhaltung zu üben, das Gesetz zu befolgen und Angehörige in Not aus dem Konfliktgebiet bei sich aufzunehmen, insbesondere evakuierte Beduinen.
3. Fernsehinterviews wie das mit Abbas Zaḥur, Berater des Bürgermeisters von Akkon, der eine Vereinbarung mit seinen jüdischen Freunden in der Stadt schloss, um die Stadt ‚ruhig und sicher‘ zu halten und alle Seiten dazu aufrief, Kämpfe einzustellen.
Natürlich leisten auch der Schin Bet [Geheimdienst], IDF [Armee] und die Sicherheitszusammenarbeit mit der palästinensischen Autonomiebehörde einen entscheidenden Beitrag, aber angesichts des Anstiegs von Todesfällen von Palästinensern in der West Bank seit Kriegsbeginn und deren Lockdown, der zu Arbeitslosigkeit und Stress geführt hat, ist der relative Frieden außerhalb von Gaza dennoch ein kleines Wunder, für dessen Fortsetzung ich bete.
Einige Worte zum Abschluss: Ich teile den Schmerz einiger meiner jüdischen Freunde über den Anschein eines Schweigens von Seiten arabischer Kollegen und Freunde in den Tagen nach dem 7. Oktober. Doch entgegen der Worte der Gemara im Traktat Kiddushin [des Babylonischen Talmud, 13a, vgl. Yevamot 88a] bedeutet Schweigen nicht an sich Zustimmung. Manchmal ist es Ausdruck der Scham. Oder einer kognitiven Dissonanz, wenn es Muslimen psychologisch schwer fällt zu akzeptieren, dass Anhänger ihrer Religion solch schreckliche Taten im Namen des nationalen Befreiungskampfes begangen haben. Oder sie haben Angst, sich zu äußern, weil es als Verrat verstanden werden könnte.
In der jetzigen Zeit müssen wir alle uns zur Verfügung stehende Nächstenliebe/Barmherzigkeit/Huld [Chesed] üben, um mit aller Kraft Gerechtigkeit [Din] herbeizuführen.“




