Oliver Vrankovic, Aktivist der DIG, schreibt:
„Angesichts des Holocaust, den die Geiseln in den Händen der Palästinenser durchmachen, ist JEDER Tag, der ihre Freilassung verzögert, ein Verbrechen, das nicht gesühnt werden kann.“
Angesichts des in Deutschland besonders starken Diskursphänomens, falsche Holocaustvergleiche politisch und moralisch zu ächten, erstaunt es dann doch, wie man ausgerechnet vom Antideutschen nach dem 7. Oktober zum regelmäßigen Holocaustrelativierer wird. Gut, versuchen wir trotzdem, den hier vorliegenden intellektuellen, politischen und moralischen Bankrott nachzuvollziehen: Hintergrund des Ganzen ist ein vulgärintentionalistisches Verständnis der Shoah, des Versuchs der „Endlösung der Judenfrage“ durch das nationalsozialistische Deutschland. Vokabular vom „Vernichtungsantisemitismus“ und dem „Tätervolk“, das zu Zeiten der Goldhagendebatte einige Popularität erlangte. Da in Deutschland sich einige rechte Geschichtsrevisionisten etc. aus den falschen Gründen auf Goldhagen stürzten, konnten in der polemischen Auseinandersetzung solche Goldhagen’schen Begriffe auch in der Linken verfangen. Die Erkenntnisse der akademischen Geschichtswissenschaft etwa über die Rolle der Strukturen des NS-Staates und der Ausweitung des Krieges für den Schritt zur „Endlösung“ wie auch für die anderen Vernichtungspolitiken werden von entsprechenden Vulgärintentionalisten – die allein auf den „Vernichtungsantisemitismus“ als Ideologie der Täter abzielen – ebenso mit dem Bade ausgeschüttet wie etwa sozialpsychologische und psychoanalytische Untersuchungen der Tätergruppen und eben auch die Dialektik der Aufklärung und an sie anschließende Ansätze, welche das nationalsozialistische Projekt der Vernichtung der Juden nicht als bloßen ideologischen Sonderweg, sondern gerade im größeren Zusammenhang der kapitalistischen Zivilisation und ausgehend von Deutschlands Stellung als einer der höchst entwickelten imperialistischen Mächte zu verstehen suchten.
Innerhalb eines solchen gänzlich idealistischen Geschichtsbilds können die Palästinenser dann mittels Ideologemvergleichs und ideologie-genealogischer Forschung (Import europäischer antisemitischer Ideologie durch Husseini und seine Vorgänger) als Ersatztätervolk identifiziert werden. Nachdem für die deutsche faschistische Rechte mittlerweile das Dresden-Gedenken keine derartig zentrale Rolle für die Mobilisierung mehr spielt, suchen sich auch die aus den Antifa-Gegenmobilisierungen gewonnenen Slogans und Formeln (“Bomber Harris, do it again”) – die schon im Dresden-Kontext zwar polemisch die Richtigen getroffen haben, aber kaum auf einer Analyse der widersprüchlichen Strategien der Alliierten im Hinblick auf die deutsche Zivilbevölkerung beruhten – die Palästinenser als Ersatzobjekt. Die Übernahme von Dresden-Slogans für Palästina ersetzt historische Kenntnis und Analyse des Nahostkonflikts und erspart auch eine Beschäftigung mit den Lehren, die im Völkerrecht nach dem Zweiten Weltkrieg gerade aus den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Fehlen ausreichender Rechtsnormen für den Luftkrieg gezogen worden sind.
Da allein das vermeintlich distinkte Ideologem – außerhalb jeder Geschichte und konkreter Gesellschaftsanalyse – nun zur Identifikation eines Verbrechens mit der Shoah ausreicht, ist es nur konsequent, dass sich der zitierte Postantideutsche nicht wie so viele andere damit begnügt, das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 mit dem geschichtsvergessenen Slogan „Nie wieder ist jetzt“ völlig außerhalb der Reihe anderer ethnischer Massaker etwas größerer oder etwas kleinerer Größenordnung (ob etwa in El Geneina, Camp Speicher, Kivu, Srebrenica oder Sabra und Schatila) zu setzen und zu exzeptionalisieren, sondern gleich eine Massengeiselnahme – wo sie eben nicht in Iran, Libanon, Russland, Mexiko oder Nigeria stattfindet –, ja jeden einzelnen Tag der Geiselnahme mit dem Holocaust gleichzusetzen. Wer hätte das gedacht, dass gerade von antideutscher Seite mit 25 Jahren Verzögerung der Joschka Fischer wiederholt wird?

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